Kurz vor 8, mein Wecker läutet. In meinem Zimmer gibts nur ein kleines Fenster, das kümmerliche erste Tageslicht könnte ich noch stundenlang ignorieren. Vor allem wenn es draußen regnet und donnert, so wie heute. Ich bleibe noch ein Weilchen liegen, stehe schließlich auf und gehe auf den Balkon. Das Meer ist bis auf den Regen spiegelglatt, bis auf die kaum wahrnehmbaren Wellenlinien die sich Richtung Ufer ziehen. In zwei Stunden ist Ebbe - El Paso, der nächstgelegene Spot, sollte trotz der kleinen Wellen laufen.

Im Spiegel betrachte ich mein linkes Auge. Leicht entzunden, geschwollen und verschlafen blickt es mir entgegen. Zugluft, Sonnenschein und Bildschirmarbeit sind schuld, all das hatte ich zur Genüge. Was aber kein Grund ist nicht den Neopren und eine Banane in die Ikea-Tasche zu packen, das Board zu schnappen, kurz noch zu schauen ob mein Notebook gute Stundenpläne errechnet hat, und loszugehen. Heute hab ich die Semi-Gun genommen, mit diesem Brett ist es einfacher Wellen zu erwischen. Und Wellen erwischen ist am El Paso nicht ganz einfach. Die Welle stellt sich sehr schnell sehr steil auf, und bricht sofort. Bei den richtigen Bedingungen kann es sogar kurze Tubes geben. Gutes Timing am richtigen Ort und ein schneller Take-Off sind gefragt.
Im Nieselregen gehe ich, die Ikeatasche umgehängt, in der Rechten das Board, in der Linken die Banane, durch Bajamar zu El Paso. An der Steinküste hat die Flut haufenweise Quallen - portugiesische Galeeren - angespült. Wie kleine violette Luftballons liegen sie zwischen den Steinen, sterbend und schön. Der Regen lässt nach, hört auf, das Meer ist spiegelglatt und glasklar, im Surf-Jargon "glassy" genannt. Kein Mensch ist weit und breit - ich bin ganz allein in der großen Bucht zwischen Bajamar und Punta del Hidalgo.
Beim rauspaddeln passe ich auf dass mein linkes Auge nicht zuviel Salzwasser abbekommt. Die Wellen sind heute besonders unberechenbar: Größere Wellen fangen weiter rechts draußen zu brechen an, aber so weit dass es zu spät ist wenn man sie am Horziont bemerkt. Größere Wellen kommen heute nur alle fünfzehn Minuten. Eher erfolglos versuche ich mein Glück, wenn ich mal was erwische ist die Fahrt kurz. Aber ich sitze hier, allein im blauen Meer, links von mir Regenwolken, vor mir der Horizont aus dem immer wieder Wellen auftauchen. Schon den Wellen nur zuzusehen, wie sie sich durch die klare Wasseroberfläche ziehen, aufbauen, brechen, ist ein Genuß. Vor mir springt ein Fisch aus dem Wasser, die Regenwolken ziehen langsam davon, gefolgt von einem riesigen Regenbogen. Immer noch habe ich keine vernünftige Welle erwischt, sitze im Wasser und schaue dem Regenbogen zu wie er wächst und strahlt, und den Wellen wie sie auf mich zukommen. Es ist wunderschön, immer noch bin ich ganz allein. Und schließlich taucht sie am Horizont auf, meine Welle, kommt näher, ich bin genau am richtigen Ort. Takeoff, gleiten.. wie in Zeitlupe zieht der Felsstrand an mir vorüber, ich tapse nach vorne, greife in die Welle, unter mir der Meeresgrund, die Steine und Algen klar sichtbar, greifbar. Als ob ich mit unglaublicher Geschwindigkeit tauchen würde. Die Welle läuft und läuft, ungewöhnlich für den sonst schwachen Tag. Los Patos ist schon weit hinter mir, und tatsächlich fahre ich diese meine Welle am Strand entlang bis zum kleinen Häuschen, und lasse mich neben dem riesigen Stein ins hüfttiefe Wasser plumpsen. Gelassen und ..erfüllt packe ich meine Sachen und spaziere den Felsstrand zurück. Das war meine Welle, die Welle des Tages, etwas besseres kann nicht kommen. Vom Regenbogen sind nur noch blasse Reste übrig, ein paar Krebse sitzen zwischen den lila-hellblauen portugiesischen Galeeren. Ein Schild an der Strandpromenade warnt deutsche Touristen vor Quallen im Meerwasser-Schwimmbecken. Bajamar scheint gerade erst zu erwachen, gähnt und räkelt sich, ein paar Menschen spazieren schläfrig die vom Regen gewaschene Promenade entlang.

Langsam entweicht die Gelassenheit und macht Platz für Sorgen und Gedanken. Über Stundenpläne, den Artikel den ich schreibe, und vor allem was danach kommt. In Österreich, oder so. Wie wird das sein, was wird sein - Doktorat? Arbeiten? Eine Häuschen am Strand? Wirklich? Nein, nicht jetzt. Jetzt noch nicht.