Ich hab mir letztens die Alternativlos-Folge "Neusprech" angehört. Interessant, es geht da um Worte und deren Bedeutung, und wie sich die Bedeutung wandelt. Wie Politiker bemüht sind, für ihre miesen Unterfangen die tollsten Wörter hervorzuzaubern. Da wird Deutschland am Hindukusch verteidigt (Angriffskrieg), Reformen durchgeführt (Steuererhöhung), Vorratsdatenspeicherung, und ergebnisoffen diskutiert um dann alternativlose Entscheidungen zu treffen. Mit der Zeit ändert sich dann die Bedeutung der Wörter, war "Reform" früher positiv besetzt so haben im Laufe der Jahre die Leute begriffen dass sie nach einer Reform einfach mehr zahlen als vorher.
So ist in der soeben verzehrten "Ensaladilla cangrejo" weder Salat noch Krabbe drinnen, sondern Mayonnaise und Surimi (aus Fischabfällen produzierter Krabben-Ersatz). Siehe auch vorher erwähntes Nestlé Fitness-Müsli...
Und so gehts bei den Finanzmärkten um eine Umschuldung Griechenlands. Umschuldung heisst dass sie pleite sind und einen Teil ihrer Schulden nicht zurückzahlen. Und wer sitzt auf einem Teil der Schulden? Die europäischen Nachbarländer und die EZB haben dieses Spitzeninvestment getätigt, und damit die Nicht-Reformierung von Griechenland weitere drei Jahre lang mitfinanziert. Super!
Aus Sicht der Investoren ist die Sache schon gegessen. Die Zinsen der Anleihen sind auf über 20 % geklettert, Werte die man aus Russland oder Afrika kennt. Der Rettungsschirm (wie wärs mit "Schulden-Domino" als an der Wirklichkeit orientiertes Wort?) - läuft 2013 aus. Dann müsste Griechenland seine Schulden am wirklichen Markt finanzieren. Falls sie ihre - sagen wir fünfjährigen - Anleihen mit 20 % Verzinsung auf den Markt werfen gibts zwei Szenarien:
a) Sie finden genug Käufer. Dann sind sie in fünf Jahren pleite, wenn sie die Anleihen mit den Zinsen zurückzahlen sollen.
b) Sie finden nicht genug Käufer. Dann sind sie sofort pleite.
Das geht natürlich nicht. Darum ist im März der nur-provisorisch-etablierte, gegen die EU-Beitrittsbedingungen verstoßende, vorübergehende Rettungsschirm zu einem permanenten "Rettungs"schirm um- und sogar ausgebaut worden. Das heißt: Wir werden auch weiterhin die Nicht-Reformierung diverser Südländer finanzieren.

Und aus genau diesem Grund stört es mich nicht sonderlich, dass die Finnen einen Rechtsruck haben und diesen Sauhaufen nicht länger mitfinanzieren wollen. "Finnen bringen Euro-Rettung in Gefahr", sagt die Financial Times Deutschland. Ich sage: Finnen schlagen - hoffentlich - den einzigen Weg ein, auf dem der Euro langfristig eine Überlebenschance hat.

Van der Bellen hat zu den Griechenland-Anfängen gesagt, dass man diese "Umschuldung" durchaus ernsthaft überlegen sollte. Ergebnisoffen diskutieren, aehm.. nur das wollte damals niemand hören. Die damaligen Gläubiger - diverse Institutionen und Banken der Finanzmärkte - haben ihre volle Kohle erhalten. Nun sitzen europäische Staaten (sprich: du und ich) auf immer mehr Anleihen die immer weniger wert werden.

*update*
Und wer bestimmt ob ein Land unter den Rettungsschirm kommt? Die Finanzminister! Mehr Macht den Finanzministern!
Dass sich diese selbst richten sollten ist ja der Hauptgrund für die ganze Misere. Gewaltenteilung als Teil der Demokratie? Dann hätten wir die aktuellen Diskussionen vor 10 Jahren und bei 20 % niedrigerer Staatsverschuldung gehabt. Stattdessen echauffierte man sich über krumme Gurken und demokratisch gewählte Parteien.